Sonntag, 20. September 2009

Grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr.......


Das Bein brauchte neue Einlagen und so begab ich mich in das einzige ortansässige Geschäft, dass die Lizenz zur Herstellung hat und ließ eben solche Dinger anfertigen. Ich erklärte, dass ich die gleichen haben wolle, wie die Male davor – auf dem Musterbogen, sei es die Nummer 6. „Ja, die hat der Doktor auch aufgeschrieben – sind am Donnerstag fertig.“

Prima, es wurde Donnerstag und Frau Leporella zog los, um die Einlagen abzuholen und um – war ja so praktisch – auch gleich neue Schühchen zu erwerben.

„Guten Tag, mein Name ist Leporella und ich möchte gerne meine Einlagen abholen und dazu hätte ich auch gerne neue Schuhe.“

„Privat oder Kasse“ – ich verstand zwar nicht, warum das jetzt hier eine wesentliche Information war, aber man will ja nicht unhöflich erscheinen und ich versuchte ein wenig Selbstbewusstsein in meine Stimme zu legen, als ich „Kasse“ antwortete.

Es kam die Nummer mit dem Vorhang und Frau Schuhverkäuferin eilte mit einer Tüte direkt zur Kasse.

„Entschuldigung“, fragte ich zaghaft, „darf ich sie mal kurz probieren?“ – glauben Sie mir, ich weiß, warum ich das tue – und sichtlich gemächlich mit einem abschätzend wirkenden Blick zog sie in Richtung Bank, öffnete die Tüte und – Sie ahnen es bereits, ich blickte auf Nummer 3 der Musterkollektion (Sie erinnern sich, ich wollte die 6) und sie lächelte mich dennoch mürrisch an.

„Ähhhhhhhhhhhm“ – „aber das sind nicht die richtigen Einlagen“, sagte ich und machte mich auf eine – wissen Sie, was ich meine, wenn ich „abwischende“ Bemerkung sage (?)-gefasst. Diese folgte auch umgehend, mit einer – tatsächlich - wischenden Armbewegung, so als müsste sie die Luft ob meiner Kritik sauber wischen- „doch, das sind die richtigen, wir können ja nur machen, was der Doktor aufschreibt.“

Lieber Doc, ich traue dir ja echt ne Menge zu und wir kennen uns ja auch schon ganz gut, aber musst du denn Rezepte mit Zaubertinte schreiben?

„Wir hatten die Nummer 6 vereinbart und diese möchte ich auch gern haben“, entgegnete ich noch sehr freundlich, mir war zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass hier bereits der Grundstein gelegt wurde, die Dame Schuhverkäuferin zu nerven. „Warum?“ – fragte sie sehr schneidend und ich war auf viele mögliche Antworten gefasst, aber ein triviales „warum“ war denn nun doch ein wenig dürftig.

„Weil diese verschrieben wurden und die von Ihnen nunmehr produzierten Einlagen eine sehr glatte Oberfläche haben, mit der ich nicht gut klarkomme!“ – ich hielt Ihrem vernichtenden Blick stand, auch wenn Ihre Stimme bereits eine Lautstärke erreicht hatte, die die Aufmerksamkeit anderer Bedienstete, aber auch anderer Kunden erregte. Die Bediensteten warfen ihr Blicke zu, die ich – wahrscheinlich übersensibel – aber dennoch, als Beschwörungsformel dahingehend interpretierte, versehen mit dem Schuhverkäuferinnentschakka: „du schaffst das, Frau Petra, die wirst du los!“

Da ich, wie bereits eingangs beschrieben, eigentlich eine nette und zuvorkommende Kundin bin, probierte ich die falschen dennoch an, fand meine Vermutung, des Rutschens, bestätigt und erklärte, dass ich diese Einlagen nicht brauchen könne.

„Ja, wir können da nix machen, die müssen sie jetzt nehmen, die hat der Doktor genauso aufgeschrieben“ – dabei wedelte sie mir wieder mit dem Rezept vor der Nase ´rum, aber so, dass ich, ob der hektischen Bewegung, nichts lesen, geschweige denn überprüfen konnte.

Ich blieb standhaft, schaute sie voller Erwartung an, bis sie sich denn dann doch aufmachte, den freundlichen Herrn Einlagenhersteller in der Werkstatt nach einer Lösung zu befragen. Das dachte ich jedenfalls, als sie mit einem „warten Sie hier“ in Richtung Vorhang abzog.

Nach gefühlten 30 Sekunden, erschien sie wieder hinter dem Vorhang mit einem triumphierenden Gesicht und einem: „sehen sie, hab´ ich doch gesagt, geht nicht!“ –„ Da kann man nix abreißen und neu ´drauf machen, das ist ja geklebt“, mit einer Ernsthaftigkeit in der Stimme, als erkläre Sie mir die Zusammenhänge der Relativitätstheorie.

O.K.,dachte ich bei, die weitere Strategie auslotend, sie setzt also auf den Joker: Fachwissen – dann wollen wir mal da ansetzen.

Immer noch gemäßigt freundlich, entgegnete ich, dass ich auch gar nicht in Erwägung zog, dass etwas abgerissen und neu geklebt wird: „Ich gehe davon, dass diese, dem Rezept entsprechend, neu angefertigt werden müssen!“ und wieder wedelte sich mit dem Wisch herum, als ich sie eiskalt erwischte: „darf ich mal sehen, was der Doktor aufgeschrieben hat?“ – zornig schob sie die Brille von Nasenspitze in Richtung Stirn und studierte das Rezept, als ich bemerkte – als geschulte Kundin, hat man einen Blick für so etwas - dass sie stutzig wurde. An dieser Stelle wäre denn dann wohl ein Einlenken angebracht gewesen, aber nicht bei Frau Schuhverkäuferin.

Ich machte mich jetzt auf Erläuterungen von Heilmittelkatalog, Verordnungen, dem Klagelied aller, im Gesundheitswesen finanziell geschundener, Dienstleister gefasst, aber sie packte den vermeintlichen Totschläger aus: „Wir haben keine Leute: Urlaub, Krankheit, das Übliche…“.
 

Ich bedauerte also sofort pflichtschuldigst ihre sehr desolate Situation, beharrte aber darauf, dass ich diesen Zustand ebenso wenig beeinflussen könne, wie den Weltfrieden, bemerkte, Ihre langsam aufkeimende Panik, als sie bemerkte, dass sie mich einfach denn nun doch nicht los wird und besann mich wieder auf Ihren Joker: Fachwissen – wir wollen ja mit fairen Mitteln kämpfen, da überlasse ich ihr gerne die fundierteren Argumente.

"Ich möchte jetzt gerne ganz genau wissen, warum es hier keine Möglichkeit gibt: hat dies technische Ursachen, gibt es abrechnungsrelevante Schwierigkeiten, kann ich Ihnen behilflich sein, indem ich diese selbst bezahle?“ Ich glaub,e noch eine solche Frage und sie hätte mir, die Einlage um die Ohren gehauen.

„Dann geh´ ich eben jetzt noch mal in die Werkstatt“ – mit einem mitleiderregenden Blick, als hätte man das Ziel des Marathons verlegt und weitere 42 Km müssten absolviert werden. Ich fühlte mich schon als besonders aufmüpfig und unverschämt. Der Versteckvorhang wurde also wiederum geentert und ich wartete…


Und wartete…


Wartete, als bereits noch hinter dem Vorhang Ihr Stimmchen erklang:

„Samstag, wie haben bis um 14:00 geöffnet“ – sprachs´ und latschte an mir vorbei, denn mit mir war sie jetzt echt durch und fertig, so dachte sie jedenfalls.

Nun machte ich den Kardinalfehler: „Ich wollte auch noch gerne Schuhe kaufen“, quengelte ich, als gehe es darum das letzte Billiregal beim Midsommerfest bei Ikea zu ergattern.

„In Ihrer Größe haben wir nichts da, was Ihnen passen könnte!“ – o.K., dieser Punkt ging an sie.

Ich stand wieder auf der Straße!

Samstag!

Punkt 12:00 Uhr (ich wollte keinesfalls zu früh sein, hatte ich doch Angst, mit einem „die sind noch nicht fertig“ wiederkommen zu müssen, aber auch nicht zu spät, um ihr den wohlverdienten Feierabend zu verderben) betrat ich also mit sehr gut präpariertem Selbstbewusstsein die heiligen Hallen und stand verloren im Laden, während Frau Schuhverkäuferin einen kleinen Zettel an der Kasse so akribisch und konzentriert beschrieb, als versuche Sie, Ihre Memoiren auf einer Briefmarke niederzuschreiben.

O.K., dachte ich – ich hab` Zeit, denn ich wollte ja nicht schon wieder unhöflich erscheinen, denn, wie schon gesagt, eigentlich bin ich eine nette und zuvorkommende Kundin.

„Sie wünschen?“, fragte sie, als sie mich nun wirklich nicht mehr übersehen konnte. Aaaaah, ich bin so durch, dass sie mich nicht mehr erkennt – drei Tage sind auch eine verdammt lange Zeit – auch ich bin letzthin an einer ehemaligen Schulkameradin aus der Grundschule einfach so vorbei marschiert – sowas kann passieren, der Mensch verändert sich ja auch permanent…

„Mein Name ist Leporella und ich möchte meine Einlagen abholen.“


Die Frage der Fragen:“privat oder Kasse“, beantwortete ich pflichtschuldigst und sie händigte mir meine Einlagen aus „Sie wollen doch bestimmt wieder probieren“ – oooh´ die Erinnerung kommt zurück, war wohl nur eine temporäre Amnesie.

Die Einlagen passten, ich zahlte meinen üblichen Zuzahlbetrag und fragte nochmals nach neuen Schühchen – ich wollte zumindest noch Bereitschaft signalisieren, meinen Beitrag zu einem Umsatz ihrerseits beizutragen.

„Wir erwarten neue Ware, Frau Leporella“ und entzückt vernahm ich, dass sie sich sogar wieder an meinen Namen erinnerte und große Freude erfüllte mich; „kommen Sie doch Mitte nächster Woche vorbei, dann haben wir bestimmt auch etwas für Sie“ – erwiderte sie und ich versprach auch ganz feste, wiederzukommen.

An alle Frau Schuhverkäuferinnen, ich möchte Sie nicht beleidigen und wenn Sie sich nicht angesprochen fühlen und ich bei Ihnen die Chance auf eine normale Kunden/Verkäuferbeziehung habe, dann melden Sie sich bitte – ich nehme auch gerne weitere Wege in Kauf und bin eine treue Kundin, wenn man mich einigermaßen gut behandelt.


1 Kommentar:

tinko hat gesagt…

Klasse Geschichte!
Also ich mein, klasse geschrieben *gg*. Ich habe mich köstlich amüsiert :-) Das wär was für die Zeitung *gg*

Grüßli
Tinko