Mittwoch, 16. April 2008

Mit "Nein" kann man nichts verkaufen ... Fortsetzung

Fortsetzung...

... dass man mit Mitte 50 doch schon mal so langsam an den Ruhestand denken sollte und ja, man habe entsprechend vorgesorgt.

Selbstkritisch wie ich bin, habe ich auch das erste Mal die wirklich wahre Bedeutung der sogenannten Diskretionslinie verstanden (in den 80gern malte ja plötzlich jede Bank solche Streifen auf den Fußboden, so, als habe die Farbenindustrie eine Runde spendiert), der denn darin liegt, dass die  Verkäuferinnen,  äähm, Regalaufpasserinnen nicht dem natürliche Drang unterliegen, potentielle Kunden anzusprechen, es ist also quasi eine Schutzlinie, die den Regalaufpasserinnen helfen soll, den Instinkt zu unterdrücken, fremde Menschen einfach durch banale Frage zu belästigen: So ein Satz wie: "Kann ich Ihnen helfen?", ist ja auch wirklich ziemlich abgelutscht, da muss man schon neue Wege gehen und vielleicht trifft impertinente Ignoranz ja eher den heutigen Zeitgeist – so in dem Sinne, dass man Schühchen als Mangelware begreift, deren Erlangen eine tiefes Gefühl der Befriedigung bereitet, á la: ich habe was, was du nicht hast – neue Schühchen muss man sich eben hart erarbeiten - oder man hat halt so seine Beziehungen - …

"Entschuldigung", fragte ich dennoch höflich (man hat ja sowas wie Erziehung genossen), "was muss ich tun, um bei Ihnen Schuhe kaufen zu können?" und lächelte so lieb, wie unser Dackel die Augen vor der Kühlschranktür in Szene setzte, um das heißbegehrte Stück Fleischwurst zu ergattern…

Sichtlich irritiert hob wenigsten eine der Regalaufpasserinnen pflichtschuldigst die Schultern zu einer perfekt  antrainierten Körpersprache, die nonverbal bereits signalisiert, dass ich mit meiner Frage keinesfalls Freude oder Euphorie ausgelöst habe, sondern, die eher gespielte Ahnungslosigkeit hervorrief, denn der Gesichtsausdruck, der sich zu den hochgezogenen Schultern gesellte, hätte jeden Meister der Pantomime in wahre Verzückung versetzt.

Doch die Antwort, die war so banal und trotzdem irgendwie logisch, dass ich nichts entgegnen konnte, ich war sprachlos und verdattert:

"Sie sollten Sie zunächst anprobieren!" – und drehte sich,  während die Schultern langsam die Normalstellung bezogen, wieder Frau Petra zu…

Ich bin aber auch wirklich ein kleiner eigensinniger und völlig laienhafter Kunde, noch nicht einmal die grundlegenden Aktionen sind mir bekannt, ich war sehr geknickt und schämte mich auch ein bisschen, dass ich da nicht selbst ´drauf gekommen bin, als mein Scham irritiert Geräusche vernahm, die mein Stammhirn irgendwie als unpassend wahrnahm…
"das war gut Frau Erika", japste Frau Petra, nach Luft ringend, "das war echt gut", (genau genommen handelte es sich hier um einen sehr breiten rheinischen Akzent, den ich aus Rücksicht meiner auswärtigen Leser weggelassen habe (dat wor escht  jod), "die muss mer anprobere", echote sie, "haaaaa" - "isch kann nit mih"…
Ich beschloss an dieser Stelle sehr verzagt den Laden zu verlassen, man weiß ja, wann man die Schlacht verloren hat …

Und wenn Sie jetzt glauben, dass dies meinem phantisieüberflutendem Gehirn eingefallen ist, muss ich Sie enttäuschen: die besten Geschichten, sind die wirklich wahren …









Nochmal übrigens: 

Ich finde die Redewendung: - mit etwas aufs Kriegsfuß stehen – erhält so langsam eine wirklich tiefergehende Bedeutung – bei mir zumindest…


Nun hatte ich ja immer noch Geld im Portemonnaie, nach wie vor wild entschlossen, die heimischen Einzelhändler zu  unterstützen  und so wollte ich mich nach der Schühchenschlappe ein wenig belohnen und enterte den Stoff- und Accessoiresladen, der auch Dekoartikel verramscht …

Diesmal hatte ich eine sehr nette Verkäuferin – es liegt also doch nicht ausschließlich an mir – und alles lief glatt, freundlich und kompetent, so dass ich ihr sehr dankbar noch mitteilte, wann die nächsten Stoffmärkte in unserer Gegend sind und stiefelte freudig mit meiner Beute zur Kasse.


Drei Kunden vor mir, wurde meine Wartezeit, die ja sonst von dem "üip" des Scanners melodisch untermalt wird, jäh unterbrochen: es "üipste" nicht mehr…

Das macht 3,-- Euro“, sprach die Kassiererin, der man den Freitagnachmittag voller anstrengender und nerviger Kunden bereits ins Antlitz gemeißelt ansah und machte sich daran, vier – zugegebenermaßen, dem versprochenen Dekoramsch entsprechenden – Ostereier in eine kleine Tüte zu stopfen, als sie von der Kunden unterbrochen wurde: "nein, ich habe gefragt, die kosten nur 50 Cent das Stück".

Die Kassiererin schalt sie mit einem du-kannst-mir-viel-erzählen-Blick und beharrte auf den 3,00 Euro, die sie ja schließlich schon eingetippt hatte, verbunden mit dem Satz: "die sind schon runtergesetzt", so als wollte sie an die Dankbarkeit der Kundin appellieren, sich nun mal hübsch demütig, sich ihrer Raffgier bewusst werdend, zu schämen hätte.

Die Kundin, eindeutig anderen Kalibers als ich, dachte nun aber im Traum nicht daran, kampflos 1,00 Euro zu viel zu bezahlen und donnerte ein vehementes: "die Verkäuferin hat gesagt 50 Cent" , was durch die schüchternen Mitkunden bereits mit  Respekt zollendem Kopfnicken ermuntert wurde.  

"Welche soll das denn gewesen sein?" – erwiderte die Kassenkönigin mit einer Stimme, die sofort erkennen ließ: "Cash is a battlefield" und sie wollte die challenge nicht verlieren…

Der Siegeswille der Kundin gepaart mit der Angst, sie könnte auch bei den Mitwartenden nunmehr an Glaubwürdigkeit verlieren, ließ ihren Blick durch 100 qm Laden schweifen, unterbrochen durch den schneidenden Ruf der Kassiererin – wirklich einmal quer über die gesamte Verkaufsfläche – "Frau Schneider, hast du mit der Frau da gesprochen?" und das zaghafte: "nein, sie war es nicht" ließ sie nicht davon abhalten, die zurückgebrüllte Antwort: „nee, war isch nisch“ zu verpassen.

„Die Frau Schneider war es nicht!“ erklärte sie triumphierend, als ob wir alle lediglich der Gebärdensprache mächtig seien.

Währenddessen verharrte der Blick der Kundin in der Mitte des Ladens und erleichtert, so als hätte sie einen Dalmatiner aus den Fluten des wild reißenden Rheins gerettet, deutete sie: "die da war es" – schnell präzisierend: "die Blonde".

Die Kassiererin wendete sich an die wirklich ausgesprochen sehr dunkelblonde Dame (die neben einer sehr auffallenden seeeeeeeeeeeeeehr blonden Dame stand, deren Schopf nunmehr wirklich das Adjektiv blond verdiente) und jodelte: "Frau Fischer, hast du mit der Kundin gesprochen?", während die Kundin völlig verzeifelt gestikulierte, dass sie die hellblonde Frau gemeint habe und als  Frau Fischer erwartungsgemäß (zumindest für alle Ohrzeugen der Situation) verneinte, um ihr die nun wirklich lebenswichtige Information mit zu geben, dass es die Frau Schneider auch nicht gewesen sei.

Die Kundin, mittlerweile nur noch getrieben von dem Gedanken – ich mach mich hier nicht lächerlich – ich nicht – ergriff nun die Initiative und sprach ihrerseits die Hellblonde an, die die ganze Zeit über das Geschehen wortlos verfolgte: "Sie haben mir doch gesagt, dass die Eier nur 50 Cent kosten" lockte sie, dass man ihrer Stimme anhörte, dass sie den Sieg schon schmeckte.

In das „ja, das habe ich“, das ich der Kundin wirklich, den Triumph voll auskostend, gegönnt hätte, empörte sich die Kassieren jedoch lautstark „sagen Sie doch gleich, dass Sie mit der Chefin gesprochen haben, dann hätte ich ja nicht alle Verkäuferinnen fragen müssen“, so als ob jetzt aber mal flott eine Entschuldigung fällig gewesen wäre …

Die undankbare Kundin schmiss ein 2 Euro Stück auf den Tresen, schnappte ihre Eier und wollte gerade, wie ein Sieger, dem man den Sieg aberkannt hatte, den Laden verlassen, als sie unter dem Ei, das Preisschild erblickte und wie einen hart erkämpften Pokal in die Luft hob in Richung der uns hier ausharrenden:






Dem ist doch wirklich nichts hinzuzufügen…

Oder doch, Sie wollen bestimmt noch meine Beute sehen, die während dieses Disputes in meinem Körbchen vor sich hin staubte:

Aber bitte sehr:






Uns weil diese nun nach Verarbeitung ruft, bin ich denn mal an dem Maschinchen…





zurück zum Anfang der Geschichte - bitte folgen Sie mir ...

1 Kommentar:

tinko hat gesagt…

Köstlich!!
Ich les´Deine Storys soo gern!

Falls Deine Sohlen mittlerweile durchgelatscht sind: schneid´ welche aus Autoreifen, die halten ewig :-)

Liebe Grüße
Tinko